Ein Jahr nach dem letzten Europamarathon, war es wieder soweit! Zum bereits dritten Mal hintereinander ging es für mich nach Görlitz bzw. Zgorzelec. Die östlichste und wahrscheinlich schönste Stadt Deutschlands zieht mich immer wieder magisch an. So schön es aber an diesem Ort mit dem besonderen Flair auch ist, so schwierig ist und bleibt dieser Marathon für mich.
Das dritte Mal hintereinander herrschten sehr warme Bedingungen. Dieses Jahr sogar noch mehr. Doch das schwierige Streckenprofil und das sommerliche Wetter schreckten mich nicht von der Teilnahme ab. Genauso wie zahlreiche weitere Teilnehmer, die auch in diesem Jahr auf den verschiedenen Distanzen zwischen 5,6 und 42,195 Kilometern an den Start gingen. Es waren dieses Jahr sogar deutlich mehr Starter gemeldet als noch die beiden Jahre zuvor.
Um 9 Uhr ging es für die Marathonis und Halbmarathonis auf die Strecke. Für den Marathon sind vier Runden mit acht Grenzüberquerungen über die Altstadtbrücke zu absolvieren. Zunächst läuft man auf der deutschen Seite, bevor es nach etwa 5 Kilometern über die Neiße auf die polnische Seite geht. Der polnische Streckenabschnitt ist bei diesen Bedingungen sehr zäh. Schon ein steiler Anstieg über Kopfsteinpflaster kurz nach der Altstadtbrücke raubt einem die Kräfte und lässt sich für mich eigentlich nur auf der ersten und zweiten Runde halbwegs gut laufen.
Ein kleines Highlight ist für mich mittlerweile eine polnische Band am Ufer der Neiße geworden.
Wie schon im letzten Jahr, hielt ich auch dieses Jahr kurz an und musste meine Freude bei einer Tanzeinlage herauslassen.
In den fröhlichen Gesichtern der Musiker war zu sehen, dass sie mich wiedererkannten.
Mit der Zeit wurde die Strecke immer leerer, die Kräfte schwanden und es wurde von Minute zu Minute wärmer.
Ich wusste natürlich worauf ich mich in Görlitz einlasse, daher wollte ich diesmal am Anfang besonders defensiv laufen. Doch selbst das hat nicht geholfen.
Der Zieleinlauf bei 30°C war für mich dann aber doch Grund genug, auch mit der bislang schlechtesten Zielzeit in Görlitz zufrieden zu sein.
Die Teilnahme am Europamarathon hatte aber auch noch eine besondere Begegnung für mich parat. Vor dem Start lernte ich eine Marathonteilnehmerin kennen und kam mit ihr ins Gespräch. Dabei habe ich erfahren, dass sie die Tochter der in Polen berühmten Ultramarathonläuferin Barbara Szlachetka ist. "Fruwająca Basia" ("die fliegende Barbara"), wie sie auch genannt wurde, war unter allen polnischen Läufern, diejenige, die die meisten Marathons und Ultramarathons absolviert hatte (insgesamt 336). Sie stellte polnische Rekorde im 12-, 24-, 48- und 72-Stundenläufen und gleichzeitig den Europarekord im 48-Stundenlauf auf. Sie war internationale deutsche Meisterin im 24-Stundenlauf und erhielt zwei Eintragungen ins Guinnessbuch der Rekorde - für die meisten Marathonläufe im Debütjahr und für die ersten 100 Marathonläufe in kürzester Zeit. Das beindruckende dabei: sie war erst 41 Jahre alt, als Sie mit dem Marathonlauf begann. Als Läuferin war Barbara Szlachetka "unbesiegbar". Ihren Kampf gegen den Krebs konnte sie nicht gewinnen. Sie verstarb im Alter von nur 49 Jahren. Für mich war es eine berührende Begegnung, die bis heute nachwirkt. Die Leidenschaft und den Willen, den ein Marathonläufer dieses Formates braucht ist sehr inspirierend. Eines steht fest, bei jedem meiner zukünftigen Marathons werde ich an diese Geschichte zurückdenken, aber auch an Barbaras Tochter, die ich an diesem Tag kennengelernt habe und die in die großen Fußstapfen ihrer Mutter tritt. Denn Görlitz war ihr bereits 97 Marathon und nächstes Jahr werden die (ersten) 100 vollgemacht. Dafür drücke ich ihr fest die Daumen!